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Geldanlage

Nur 4 % der Aktien machen den ganzen Gewinn — was die Bessembinder-Studie für dich bedeutet

Ein US-Finanzprofessor hat fast 30.000 Aktien über 100 Jahre durchgerechnet. Das Ergebnis ist unbequem: Die meisten Einzelaktien haben ihren Anlegern langfristig Geld gekostet – der gesamte Börsengewinn stammt von einer winzigen Minderheit. Was heißt das für deine Geldanlage? Und gibt es den „Trick“, die künftigen Gewinner trotzdem zu erwischen?

Inhalt

Das Wesentliche in 30 Sekunden

Die Bessembinder-Studie in 5 Punkten

  • Datenbasis: 29.754 US-Aktien, 100 Jahre (1926–2025).
  • Ernüchternd: Bei rund 60 % der Aktien verloren Langfrist-Anleger Geld; die Median-Aktie liegt bei rund −6,9 %.
  • Konzentration: Nur 1.082 Titel (3,72 %) erzeugten den gesamten Netto-Vermögenszuwachs von ~91 Bio. $.
  • Spitze: 46 Firmen = die Hälfte der Wertschöpfung; Top 5 (Apple, Nvidia, Microsoft, Alphabet, Amazon) = 21,4 %.
  • Konsequenz: Wer die Gewinner nicht erraten kann, hält sie am sichersten über breite Streuung (Index/ETF).

Was Hendrik Bessembinder untersucht hat #

Hendrik Bessembinder ist Finanzprofessor an der Arizona State University. Für seine viel beachtete Studie „One Hundred Years in the U.S. Stock Markets“ hat er die Rendite von 29.754 US-Aktien ausgewertet – über den kompletten Zeitraum von 1926 bis 2025. Betrachtet wird dabei nicht ein einzelnes Jahr, sondern die gesamte Lebensdauer jeder Aktie (sogenannte Buy-and-hold-Rendite) und der Beitrag jeder Firma zum insgesamt geschaffenen Anleger-Vermögen in US-Dollar.

Das ist deshalb spannend, weil die meisten Statistiken nur den Marktdurchschnitt zeigen. Bessembinder dreht die Perspektive um und fragt: Wie ist der Erfolg auf die einzelnen Aktien verteilt? Die Antwort verändert, wie man über Einzelaktien nachdenken sollte.

Das bittere Ergebnis #

Der Aktienmarkt als Ganzes hat über das Jahrhundert gewaltigen Wohlstand geschaffen – nach Bessembinder rund 91 Billionen US-Dollar an zusätzlichem Anleger-Vermögen. Auf Ebene der einzelnen Aktie sieht die Sache aber ganz anders aus:

≈ 60 %
der Aktien haben Langfrist-Anlegern über ihre Lebensdauer Vermögen gekostet
−6,9 %
Median-Rendite über die Lebensdauer – die typische Aktie war ein Minus-Geschäft
3,72 %
der Aktien (1.082 Titel) erzeugten den gesamten Netto-Gewinn des Marktes

Wie passt das zusammen – hoher Marktgewinn, aber die Mehrheit der Aktien im Minus? Der Grund liegt in der Schiefe der Renditen: Eine Aktie kann höchstens 100 % verlieren, aber theoretisch das Hundert- oder Tausendfache gewinnen. Ein paar extreme Gewinner heben den Mittelwert, während die breite Masse den Durchschnitt gar nicht erreicht. Deshalb ist der Median (die Aktie „in der Mitte“) negativ, obwohl der Mittelwert der Buy-and-hold-Renditen bei über 30.000 % liegt.

Nur 1.082 Aktien tragen den ganzen Gewinn #

Die eigentliche Pointe ist die extreme Konzentration an der Spitze. Der komplette Netto-Vermögenszuwachs des US-Marktes seit 1926 geht auf nur 1.082 Firmen zurück – das sind 3,72 % aller je gelisteten Aktien. Der gesamte Rest hat sich unterm Strich in etwa neutralisiert. Und selbst innerhalb dieser Gewinner ist es eng:

KennzahlErgebnis (1926–2025)
Aktien insgesamt29.754
Gesamter Netto-Vermögenszuwachs≈ 91 Billionen US-Dollar
Firmen für die Hälfte davonnur 46
Top 5 (Apple, Nvidia, Microsoft, Alphabet, Amazon)zusammen 21,4 %
Bester Einzeltitel (kumulierte Rendite)Altria (früher Philip Morris)

Werte nach H. Bessembinder, „One Hundred Years in the U.S. Stock Markets“ und Begleitpapiere, Stand 2025. Anteile der Top-Firmen bezogen auf die Netto-Wertschöpfung des Gesamtmarkts.

Zur Größenordnung des Spitzenreiters: In Bessembinders Auswertung der Rekord-Titel erzielte Altria die höchste kumulierte Rendite überhaupt – aus einem einzigen investierten Dollar wären über die Jahrzehnte Millionen geworden. Solche Ausreißer sind aber genau das: seltene Ausnahmen, die man im Nachhinein kennt, im Voraus jedoch kaum trifft.

Der „Trick“: breit streuen statt raten #

Die verlockende Schlussfolgerung wäre: „Dann kaufe ich eben nur die 4 % Gewinner.“ Das Problem – und der Kern der Studie – ist, dass sich diese Handvoll Ausnahme-Aktien im Voraus praktisch nicht zuverlässig vorhersagen lässt. Vor 30 Jahren hätte kaum jemand Nvidia oder Apple auf ihrem heutigen Niveau erwartet.

Genau daraus zieht Bessembinder selbst eine nüchterne Konsequenz: Wenn ein paar wenige, kaum vorhersehbare Titel den ganzen Unterschied machen, dann ist die zuverlässigste Art, sie zu besitzen, möglichst viele Aktien gleichzeitig zu halten. Wer über einen breit gestreuten Index bzw. einen weltweit anlegenden ETF praktisch den ganzen Markt abbildet, hat die künftigen Gewinner automatisch im Depot – ohne sie erraten zu müssen. Die wenigen Vervielfacher ziehen dann das Gesamtergebnis nach oben, während einzelne Nieten kaum ins Gewicht fallen.

Das erklärt auch, warum schlecht gestreute, aktive Einzelwert-Strategien im Durchschnitt hinter dem Markt zurückbleiben: Wer nur wenige Titel hält, hat die statistisch überwältigende Wahrscheinlichkeit, die entscheidenden Gewinner nicht dabei zu haben.

Einzelaktie vs. breiter ETF #

Wenige Einzelaktien

  • Hohe Chance, die 4 % Gewinner zu verpassen
  • Median-Titel historisch im Minus
  • Ergebnis hängt an einzelnen Firmen und deinem Timing
  • Erfordert laufende Recherche und Nerven

Breiter Index-ETF

  • Enthält die künftigen Gewinner automatisch
  • Ausreißer nach unten fallen kaum ins Gewicht
  • Ergebnis nähert sich dem Marktdurchschnitt an
  • Günstig, passiv, wenig Pflegeaufwand

Wie du ein breit gestreutes Depot praktisch aufbaust, liest du in unseren Ratgebern zum ETF-Sparplan für Anfänger und zu den häufigsten ETF-Fehlern. Und was du tun (oder lassen) solltest, wenn die Kurse fallen, steht unter ETF-Absturz – was tun?.

Was die Studie nicht sagt #

So klar das Muster ist – ein paar Einordnungen gehören dazu:

  • Aktien sind nicht „schlecht“. Der Markt hat gewaltiges Vermögen geschaffen; nur ist es ungleich verteilt. Die Studie ist ein Argument gegen konzentrierte Einzelwetten, nicht gegen die Anlageklasse Aktien.
  • Streuung beseitigt nicht das Marktrisiko. Auch ein breiter ETF kann in Krisen deutlich fallen. Diversifikation reduziert das Risiko einzelner Titel, nicht das des Gesamtmarkts.
  • Vergangenheit ≠ Zukunft. Historische Renditen sind keine Garantie. Ob sich die Konzentration künftig fortsetzt, ist offen.
  • Es gibt Gegenstimmen. Aktive Stockpicker verweisen darauf, dass einzelne Anleger mit Können, Geduld oder Spezialwissen sehr wohl überdurchschnittlich abschneiden können – im Durchschnitt gelingt das aber nachweislich den wenigsten.

Häufige Fragen #

Was besagt die Bessembinder-Studie?

Der Finanzprofessor Hendrik Bessembinder wertete 29.754 US-Aktien über 100 Jahre (1926–2025) aus. Ergebnis: Der gesamte Netto-Vermögenszuwachs (rund 91 Billionen US-Dollar) stammt von nur 1.082 Aktien (3,72 %). Bei knapp 60 % der Aktien verloren Langfrist-Anleger Geld; die Median-Aktie brachte rund −6,9 %.

Heißt das, dass Aktien schlecht sind?

Nein. Der Aktienmarkt als Ganzes hat über das Jahrhundert enorm viel Vermögen geschaffen. Der Gewinn ist nur extrem ungleich verteilt: Wenige Gewinner tragen fast alles. Nicht die Anlageklasse Aktien ist das Problem, sondern die Wette auf einzelne Titel.

Was ist der „Trick“, um die Gewinner zu erwischen?

Da sich die wenigen Ausnahme-Gewinner kaum vorhersagen lassen, ist die naheliegende Konsequenz breite Streuung: Wer über einen breiten Index bzw. ETF praktisch den ganzen Markt hält, besitzt automatisch auch die künftigen Gewinner. Das ist keine Anlageberatung, sondern die von Bessembinder selbst gezogene Schlussfolgerung.

Warum verlieren so viele Einzelaktien Geld?

Aktienrenditen sind stark rechtsschief: Ein Titel kann maximal 100 % verlieren, aber theoretisch unbegrenzt gewinnen. Die wenigen Vervielfacher heben den Marktdurchschnitt, während die Mehrheit ihn nicht erreicht. Deshalb ist der Median (typische Aktie) negativ, obwohl der Mittelwert hoch ist.

Gilt das nur für die USA?

Nein. In einer Untersuchung von rund 64.000 Aktien aus 42 Ländern fanden Bessembinder und Kollegen dasselbe Muster: Auch weltweit erzeugte nur ein kleiner Anteil der Firmen den gesamten Netto-Vermögenszuwachs. Die Konzentration ist also kein US-Sonderfall.

Was bedeutet das konkret für meine Geldanlage?

Die Studie ist ein starkes Argument, das Risiko nicht auf wenige Einzelwerte zu konzentrieren, sondern breit über viele Titel zu streuen — etwa mit einem weltweit anlegenden Index-ETF und langem Horizont. Eine individuelle Empfehlung ersetzt das nicht; Streuung beseitigt zudem nicht das allgemeine Marktrisiko.

Sophia Wagner
Über die Autorin
Sophia Wagner
Investment-Redakteurin, FLORIN+

Sophia schreibt seit 2020 bei FLORIN+ über Geldanlage, ETFs und langfristigen Vermögensaufbau. Ihr Fokus: klare Mathematik und realistische Erwartungen.

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