Die gesetzliche Rente steht 2026 besser da, als die öffentliche Debatte nahelegt — und schlechter, als die Zahlen auf den ersten Blick zeigen. Zum 1. Juli 2026 stiegen die Renten um 4,24 Prozent, der aktuelle Rentenwert liegt bei 42,52 Euro je Entgeltpunkt. Das Sicherungsniveau vor Steuern beträgt 48,0 Prozent und ist durch das Rentenpaket 2025 bis einschließlich 2031 gesetzlich garantiert. Der Beitragssatz liegt seit 2018 unverändert bei 18,6 Prozent. Wer heute 45 Jahre lang zum Medianlohn eingezahlt hat, kommt auf rund 1.992 Euro brutto — das ist deutlich mehr, als die verbreiteten Rentenlücken-Rechnungen unterstellen. Die Versorgungslücke bei 70 Prozent Bedarfsniveau beträgt in diesem Fall rund 280 Euro, nicht 900.
Das eigentliche Problem liegt woanders. Es liegt bei allen, die keine 45 Jahre haben. Die Armutsgefährdungsquote der über 65-Jährigen ist auf 19,5 Prozent gestiegen (2022: 18,3 %), der Gender Pension Gap bei eigenen Alterseinkünften liegt bei 36,0 Prozent, und 764.065 Menschen ab Regelaltersgrenze bezogen im Dezember 2025 Grundsicherung — ein neuer Höchststand. Die private Vorsorge, die diese Lücke schließen sollte, schrumpft: 14,66 Millionen Riester-Verträge Ende 2025, der neunte Rückgang in Folge. Ab 2027 tritt mit dem Altersvorsorgedepot ihre Nachfolge an.
48 Prozent gelten bis 2031 — und nur bis dahin. Ab 2032 greift wieder die reguläre Anpassungsformel inklusive Nachhaltigkeitsfaktor. Der Rentenversicherungsbericht 2025 projiziert 46,3 Prozent für 2039 bei einem Beitragssatz von 21,2 Prozent. Wer heute unter 50 ist, plant für ein System nach der Haltelinie.
45 Beitragsjahre zum Medianlohn: Lücke rund 280 €. 40 Jahre: rund 470 €. Fünf Jahre Erwerbsbiografie kosten 222 € Bruttorente pro Monat. Nicht die Höhe des Rentenniveaus entscheidet über Altersarmut, sondern Lücken, Teilzeit und Sorgearbeit. Dort ist die Politik bislang wirkungslos.
Gender Pension Gap 36,0 % bundesweit — aber 40,8 % im Westen und nur 13,2 % im Osten. Von den Frauen mit mindestens 40 Versicherungsjahren liegen 61 % unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.446 €; bei Männern sind es 27,8 %. Das ist kein Rentenproblem, sondern ein Erwerbsbiografieproblem mit 40 Jahren Vorlauf.
38 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben weder bAV noch Riester — bei Bruttoeinkünften unter 1.500 € sind es 55 %. Die zweite und dritte Säule erreichen genau die Gruppe nicht, deren gesetzliche Rente am kleinsten ausfällt. Das Altersvorsorgedepot ab 2027 ändert die Förderlogik, nicht das Grundproblem: Wer nichts übrig hat, spart auch mit 50 Cent Zuschuss je Euro nichts.
Aktuelle Messgrößen 2026
Alle Werte auf Basis amtlicher Statistiken, Verordnungen und Bundestagsdrucksachen. Rechtsstand 19. August 2026. Projektionen sind als solche gekennzeichnet.
bundeseinheitlich (RWBestV 2026)
(Haltelinie, Rentenpaket 2025)
(≈ 1.677 € netto vor Steuern)
(Destatis, EU-SILC 2025)
(Destatis, EU-SILC 2025)
(Destatis, SGB XII Kap. 4)
Rentenniveau: 48 Prozent mit Verfallsdatum
Sicherungsniveau vor Steuern, Beitragssatz und Rentenwert. Basis: Rentenwertbestimmungsverordnung 2026, Rentenversicherungsbericht 2025 (BT-Drs. 21/3080).
Zum 1. Juli 2026 sind die Renten um 4,24 Prozent 1 gestiegen. Der aktuelle Rentenwert erhöhte sich damit von 40,79 Euro auf 42,52 Euro je Entgeltpunkt — seit dem 1. Juli 2023 gibt es keinen getrennten West- und Ost-Rentenwert mehr, sondern nur noch einen bundeseinheitlichen Wert. Die Standardrente nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst beträgt damit 1.913,40 Euro brutto, ein Plus von 77,85 Euro gegenüber Juli 2025.
Das Sicherungsniveau vor Steuern liegt bei 48,0 Prozent 2. Es beschreibt das Verhältnis der Standardrente zum durchschnittlichen Arbeitsentgelt — beides jeweils nach Abzug von Sozialbeiträgen, aber vor Steuern. Diese 48 Prozent sind kein Naturgesetz, sondern eine befristete gesetzliche Garantie: Das „Gesetz zur Stabilisierung des Rentenniveaus und zur vollständigen Gleichstellung der Kindererziehungszeiten“ — das Rentenpaket 2025 — wurde am 5. Dezember 2025 vom Bundestag beschlossen, am 19. Dezember 2025 vom Bundesrat gebilligt und trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Es setzt den Nachhaltigkeitsfaktor bis 2031 aus und sichert das Niveau bis einschließlich 2031. Ohne diese Regelung wäre es bis dahin auf rund 47 Prozent gesunken.
Ab 2032 greift die reguläre Anpassungsformel wieder vollständig — Lohnfaktor, Beitragssatzfaktor und Nachhaltigkeitsfaktor. Der Rentenversicherungsbericht 2025 projiziert für 2039 ein Sicherungsniveau von 46,3 Prozent bei einem Beitragssatz von 21,2 Prozent. Der Projektionshorizont des Berichts endet 2039; amtliche Werte für 2040 oder 2045 existieren nicht. Wer eine 45-Prozent-Marke für 2045 zitiert bekommt, zitiert eine Schätzung, keine Statistik.
Rentenanpassungen 2020–2026
| Zum 1. Juli | Anpassung West | Anpassung Ost | Aktueller Rentenwert | Beitragssatz |
|---|---|---|---|---|
| 2020 | +3,45 % | +4,20 % | 34,19 / 33,23 € | 18,6 % |
| 2021 | 0,00 % | +0,72 % | 34,19 / 33,47 € | 18,6 % |
| 2022 | +5,35 % | +6,12 % | 36,02 / 35,52 € | 18,6 % |
| 2023 | +4,39 % | +5,86 % | 37,60 € (erstmals einheitlich) | 18,6 % |
| 2024 | +4,57 % (bundeseinheitlich) | 39,32 € | 18,6 % | |
| 2025 | +3,74 % (bundeseinheitlich) | 40,79 € | 18,6 % | |
| 2026 | +4,24 % (bundeseinheitlich) | 42,52 € | 18,6 % | |
Der Beitragssatz zur allgemeinen Rentenversicherung ist seit 2018 unverändert. Die Beitragsbemessungsgrenze 2026 liegt bundeseinheitlich bei 101.400 €/Jahr (8.450 €/Monat), das vorläufige Durchschnittsentgelt bei 51.944 €/Jahr.
Die Rentenlücke: kleiner als behauptet, größer als tragbar
Differenz zwischen der zu erwartenden gesetzlichen Nettorente und dem üblichen Bedarfsmaß von 60–80 % des letzten Nettoeinkommens. Eigene Berechnung, Parameter offengelegt.
Die Rentenlücke ist die meistzitierte und am schlechtesten belegte Kennzahl der deutschen Vorsorgedebatte. Sie hängt an drei Parametern, die in der Praxis fast immer veraltet sind: dem aktuellen Rentenwert, dem Durchschnittsentgelt und den Abzügen auf die Rente. Deshalb legen wir sie offen.
Referenzfall: Ein vollzeitbeschäftigter Medianverdiener. Der mittlere Bruttojahresverdienst Vollzeitbeschäftigter lag 2025 bei 54.066 Euro 7, das sind rechnerisch 4.505,50 Euro im Monat. Nach Steuerklasse I, einem Kind, ohne Kirchensteuer und mit den Sozialversicherungssätzen 2026 verbleiben davon 2.892 Euro netto. Bei einem vorläufigen Durchschnittsentgelt von 51.944 Euro ergeben sich 1,0409 Entgeltpunkte je Beitragsjahr.
| Erwerbsbiografie | Entgeltpunkte | Rente brutto | Rente netto* | Lücke bei 70 % Bedarf | Deckungsgrad |
|---|---|---|---|---|---|
| 45 Beitragsjahre | 46,84 | 1.992 € | 1.746 € | 279 € | 86 % |
| 40 Beitragsjahre | 41,63 | 1.770 € | 1.552 € | 473 € | 77 % |
| 35 Beitragsjahre | 36,43 | 1.549 € | 1.358 € | 667 € | 67 % |
| 30 Beitragsjahre | 31,23 | 1.328 € | 1.164 € | 861 € | 57 % |
| Bedarf 70 % von 2.892 € netto = 2.025 €/Monat. * Netto vor Steuern, nach Abzug von 12,35 % für Kranken- und Pflegeversicherung der Rentner (Eltern). | |||||
Die Zahlen sagen zweierlei. Erstens: Der Medianverdiener mit lückenloser 45-jähriger Vollzeitbiografie hat keine dramatische Versorgungslücke — 86 Prozent des üblichen Bedarfsmaßes sind gedeckt, die Differenz beträgt 279 Euro. Wer höhere Zahlen liest, sollte prüfen, mit welchem Rentenwert gerechnet wurde. Zweitens: Jedes fehlende Erwerbsjahr kostet 44 Euro Bruttorente pro Monat. Zwischen 45 und 30 Beitragsjahren liegen 664 Euro brutto — und der Deckungsgrad fällt von 86 auf 57 Prozent.
Die Faustregel „60–80 Prozent des letzten Nettoeinkommens“ ist keine amtliche Größe, sondern eine Konvention der Vorsorgeberatung. Sie unterstellt, dass Berufskosten und Sparraten entfallen und die Wohnkosten sinken — was für Eigentümer zutrifft, für Mieter selten. Der Vorsorgekompass 2026 von Union Investment und der WHU rechnet stattdessen von der Ausgabenseite: Ein typischer Rentnerhaushalt hat demnach 2.988 € Einnahmen bei 3.148 € Ausgaben — eine Deckungslücke von 160 €, wobei die gesetzliche Rente rund 60 % der Ausgaben trägt und der Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums 13–14 %. Wer zur Miete wohnt, hat diese 13 Prozent nicht.
Hinzu kommt die Besteuerung. Renten sind seit 2005 schrittweise steuerpflichtig; für einen Rentenbeginn 2026 beträgt der Besteuerungsanteil 84,0 Prozent 8. Das Wachstumschancengesetz hat den Anstieg auf 0,5 Prozentpunkte pro Jahr halbiert — die volle Besteuerung wird damit erst ab dem Renteneintrittsjahr 2058 erreicht, nicht wie ursprünglich geplant 2040. Alle Nettoangaben in diesem Report sind „netto vor Steuern“, also nach Sozialabgaben, aber vor Einkommensteuer.
Gender Pension Gap: 36 Prozent — und ein Ost-West-Befünd
Alterseinkünfte von Frauen und Männern ab 65 Jahren. Basis: Destatis, EU-SILC 2025 (Einkommensbezugsjahr 2024).
Frauen ab 65 Jahren beziehen im Durchschnitt 18.233 Euro eigene Alterseinkünfte pro Jahr, Männer 28.473 Euro 4. Das ist ein Gender Pension Gap von 36,0 Prozent. Rechnet man Hinterbliebenenleistungen ein — also das, was Frauen aus den Ansprüchen ihrer verstorbenen Partner erhalten —, sinkt der Abstand auf 24,2 Prozent. Beide Werte sind korrekt; sie beantworten verschiedene Fragen. Der erste sagt, was Frauen selbst erworben haben. Der zweite, wovon sie leben.
Regional ist der Befund eindeutig: Im früheren Bundesgebiet liegt der Gap bei 40,8 Prozent, in Ostdeutschland inklusive Berlin bei 13,2 Prozent. Die Ursache ist keine ostdeutsche Rentenpolitik, sondern eine ostdeutsche Erwerbsbiografie: durchgehende Vollzeitbeschäftigung von Frauen über Jahrzehnte. Der Gender Pension Gap ist der Gender Pay Gap plus vierzig Jahre Zinseszins auf Entgeltpunkte.
Von den Frauen mit mindestens 40 Versicherungsjahren lag zum 31.12.2025 der Zahlbetrag bei 61,0 Prozent unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle von 1.446 €/Monat — 2,22 Millionen von 3,65 Millionen. Bei Männern sind es 27,8 Prozent. Vierzig Jahre Versicherungszeit schützen Frauen also mehrheitlich nicht vor einer Rente unterhalb der Armutsschwelle.
Wichtig zur Einordnung: Aus einer niedrigen gesetzlichen Rente folgt nicht automatisch ein niedriges Alterseinkommen — Partnereinkommen, Betriebsrenten und Wohneigentum bleiben unberücksichtigt. Die Bundesregierung weist in derselben Drucksache ausdrücklich darauf hin. Prozentwerte eigene Berechnung aus den Absolutzahlen.
Altersarmut: 19,5 Prozent — und eine große Dunkelziffer
Armutsgefährdung, Grundsicherung im Alter und Nichtinanspruchnahme. Basis: Destatis EU-SILC 2025, Destatis Sozialhilfestatistik, DIW.
Die Armutsgefährdungsquote der über 65-Jährigen lag 2025 bei 19,5 Prozent 3 — deutlich über dem Wert von 2022 (18,3 %) und knapp über dem Bevölkerungsdurchschnitt von 16,1 %. Frauen ab 65 sind mit 21,3 Prozent stärker betroffen als Männer (17,3 %). Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat — 2025 waren das 1.446 Euro netto im Monat für einen Einpersonenhaushalt.
Im Dezember 2025 bezogen 764.065 Menschen ab Regelaltersgrenze 5 Grundsicherung im Alter nach dem 4. Kapitel SGB XII — ein Plus von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste je gemessene Stand. Zusammen mit den 519.795 Empfängern wegen voller Erwerbsminderung waren es 1.283.860 Personen. Bemerkenswert ist die Gegenläufigkeit: Während die Zahl der Altersgrundsicherungsempfänger auf einen Höchststand steigt, ist die Zahl der Erwerbsminderungsfälle auf den niedrigsten Stand seit 2018 gefallen.
Die Grundsicherungsstatistik unterschätzt das Problem systematisch. Nach Berechnungen des DIW Berlin nehmen rund 60 Prozent der anspruchsberechtigten Haushalte — etwa 625.000 — die Grundsicherung im Alter nicht in Anspruch. Bei Ansprüchen unter 200 €/Monat liegt die Nichtinanspruchnahme bei rund 80 Prozent, bei Verwitweten bei 78 Prozent. Gründe sind Unkenntnis, Scham und die Sorge vor Rückgriff auf Angehörige — letztere ist seit dem Angehörigen-Entlastungsgesetz 2020 weitgehend gegenstandslos, wirkt aber fort. Die tatsächliche Zahl bedürftiger älterer Haushalte liegt damit rechnerisch bei rund 1,9 Millionen.
Basis: DIW Wochenbericht 49/2019. Neuere Berechnungen dieser Größenordnung liegen nicht vor.
Ein Dämpfer im System ist der Grundrentenzuschlag: Rund 1,4 Millionen Renten enthielten Ende 2024 einen Zuschlag, im Schnitt 104 Euro bei Frauen und 79 Euro bei Männern. Drei Viertel der Begünstigten sind Frauen. Der Zuschlag mildert die Folgen niedriger Entgeltpunkte, setzt aber mindestens 33 Jahre Grundrentenzeiten voraus — und schließt damit genau die Biografien aus, die am stärksten unterbrochen sind.
Zweite und dritte Säule: schrumpfend, ungleich, im Umbau
Betriebliche und private Altersvorsorge. Basis: BMAS Alterssicherungsbericht 2024 (Berichtsjahr 2023), BMAS Riester-Statistik, BMF, GDV, DIW SOEP, Deutsches Aktieninstitut.
Ende 2025 gab es in Deutschland 14,664 Millionen Riester-Verträge 6 — der neunte Rückgang in Folge und rund zwei Millionen weniger als 2017. Der Höchststand lag 2012 bei knapp 16,8 Millionen. Das BMAS weist ausdrücklich darauf hin, dass ruhende Verträge, für die keine Beiträge mehr fließen, in dieser Zahl enthalten sind; der Anteil wird auf „gut ein Fünftel bis knapp ein Viertel“ geschätzt. Die tatsächlich besparte Vertragszahl liegt also eher bei 11 bis 12 Millionen.
| Instrument | Verbreitung | Leistung / Förderung | Befund |
|---|---|---|---|
| Betriebliche Altersversorgung | 51,9 % SV-pfl. Beschäftigte, 2023 |
Ø Nettoleistung Privatwirtschaft: Männer 521 €, Frauen 268 €/Monat (ASID 2023) | Rückläufig ggü. 2011 (58,7 %). Unter 10 Beschäftigte: 25 %, über 1.000: 86 % |
| Riester-Rente | 14,66 Mio. Verträge, Ende 2025 |
Grundzulage 175 €/Jahr, Kinderzulage 185/300 €; Ø Gesamtförderung 377,91 € (Beitragsjahr 2022) | Neunter Bestandsrückgang in Folge. Ab 2027 keine Neuabschlüsse mehr |
| Rürup / Basisrente | 2,8 Mio. Verträge, Ende 2024 |
Sonderausgabenabzug 2026 bis 30.826 € (Alleinstehende) / 61.652 € (Zusammenveranlagung) | Wachsend (+4,2 % 2024). Vor allem Selbständige und Gutverdiener |
| Wertpapiere & ETF | 14,1 Mio. Personen mit Aktien/Fonds, 2025 |
Keine Ansparförderung; 19,9 % der Bevölkerung ab 14 J.; 5,3 Mio. nutzen Sparpläne | Rekord, +2 Mio. ggü. 2024. Über 60 % des Zuwachses bei unter 40-Jährigen |
Das eigentliche Problem der zweiten und dritten Säule ist nicht ihre Größe, sondern ihre Verteilung. Nach dem Alterssicherungsbericht 2024 haben 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weder eine betriebliche Altersversorgung noch einen Riester-Vertrag. Bei Bruttoeinkommen unter 1.500 Euro monatlich steigt dieser Anteil auf 55 Prozent, und zwei Drittel dieser Gruppe sind Frauen. Das DIW zeigt dieselbe Struktur aus anderem Winkel: Im obersten Einkommensquintil sparen 30 Prozent der Riester-Sparer, im untersten 7 Prozent.
Auch die Auszahlungen ernüchtern. Die BMF-Auszahlungsstatistik weist für das Beitragsjahr 2024 ein Volumen von 2,29 Milliarden Euro an 1,32 Millionen Personen aus. Rechnerisch sind das rund 145 Euro im Monat — und wenn man einmalige Kapitalabfindungen herausrechnet und nur laufende Alters- und Erwerbsminderungsrenten betrachtet, rund 87 Euro. Ein amtlich publizierter Durchschnittsbetrag existiert nicht; beide Werte sind eigene Berechnung aus den veröffentlichten Rohdaten.
Aggregierte MyWage-Plattformdaten zu Earned Wage Access (Gehaltsvorschuss) zeigen die stärkste Nachfrage in der Altersgruppe 25 bis 45 Jahre, mit einem Medianalter der Nutzenden von 37 Jahren. Das ist exakt das Zeitfenster, in dem private Altersvorsorge den größten Zinseszinseffekt entfaltet — und in dem Familiengründung, Wohnkosten und Vorsorge um dasselbe Budget konkurrieren. Wer in der Haupterwerbsphase auf kurzfristige Liquiditätslösungen angewiesen ist, kann langfristige Vorsorgebeiträge nur eingeschränkt leisten. Der Indikator wird sichtbar, bevor Vorsorgequoten in amtlichen Erhebungen sinken.
Basis: Aggregierte, anonymisierte MyWage-Plattformdaten, Stand H1 2026.
Reformlage August 2026: was gilt, was kommt, was nur geplant ist
Rechtsstand 19. August 2026. Strikte Trennung zwischen geltendem Recht, verkündetem Recht mit späterem Wirksamwerden, Regierungsentwurf und bloßer Empfehlung.
| Vorhaben | Rechtsstand | Kerninhalt |
|---|---|---|
| Rentenpaket 2025 | In Kraft seit 01.01.2026 | Sicherungsniveau 48 % bis 2031 garantiert, Nachhaltigkeitsfaktor ausgesetzt; Mindestrücklage von 0,2 auf 0,3 Monatsausgaben; Bundesmittel 2031: 15,9 Mrd. € |
| Aktivrente | In Kraft seit 01.01.2026 | Bis 2.000 €/Monat steuerfrei (24.000 €/Jahr) aus abhängiger Beschäftigung nach der Regelaltersgrenze. Kein Rentenbezug erforderlich. Nicht für Selbständige, Beamte, Minijobs |
| Betriebsrentenstärkungsgesetz II | In Kraft seit 01.01.2026 | bAV-Förderbetrag § 100 EStG von 288 auf 360 €/Jahr (ab 2027), Einkommensgrenze dynamisiert auf 3 % der BBG; Opting-out per Betriebsvereinbarung mit 20 % AG-Zuschuss |
| Altersvorsorgedepot (Riester-Nachfolge) | Verkündet 29.05.2026 · Produkte ab 01.01.2027 | 50 Cent je Euro bis 360 €/Jahr, 25 Cent bis 1.800 € → max. 540 € Grundzulage; Kinderzulage 300 €/Kind; Berufseinsteigerbonus 200 €. Depot ohne Garantie, Standardprodukt mit 1,0 % Kostendeckel, Garantieprodukte 80/100 % |
| Mütterrente III | Beschlossen · wirksam ab 01.01.2027, Auszahlung 2028 | Kindererziehungszeit für vor 1992 geborene Kinder von 30 auf 36 Monate → +0,5 Entgeltpunkte je Kind. Rund 10 Mio. Betroffene, kein Antrag nötig, Rückwirkung ab 01.01.2027 |
| Frühstart-Rente | Regierungsentwurf · Kabinett 12.08.2026 | Noch kein geltendes Recht. Geplant: 10 €/Monat vom Staat für Kinder von 6 bis 18 Jahren in ein individuelles Depot, Start mit Jahrgang 2020, Inkrafttreten geplant 01.01.2027 |
| Alterssicherungskommission | Nur Empfehlung · Bericht 23.06.2026 | Kein Gesetzescharakter. 33 Empfehlungen, u. a. gesetzliche Kapitalrente mit 2 % Zusatzbeitrag, Regelaltersgrenze 67 → 67,5 Jahre bis 2041, Gesamtversorgungsniveau mindestens 70 %, Pflichtversicherung für Selbständige |
| Generationenkapital (Neue Regierung) | In Kraft seit 01.01.2026 | Kapitalgedeckte Ergänzung zur gesetzlichen Rentenversicherung: 12 Mrd. € Grundstock ab Januar 2026, jährliche Zuführungen +3 % p.a., Ziel: 200 Mrd. € bis Mitte der 2030er-Jahre. Erträge sollen Beitragssatzanstieg ab 2036 dämpfen — kein direkter Einfluss auf individuelle Rentenhöhe. Laut Medienberichten: ca. 7,2 % Rendite im ersten Halbjahr 2026 (vorläufig, nicht offiziell bestätigt). |
| Rentenpaket II (Ampel) | Gescheitert · nie beschlossen | Der Ampel-Entwurf (Haltelinie bis 2039, Generationenkapital 200 Mrd. €) verfiel mit dem Ende der 20. Wahlperiode im November 2024. Das Konzept wurde von der neuen Regierung aufgegriffen und in modifizierter Form umgesetzt (siehe oben). |
Die politische Lage im Sommer 2026 ist damit paradox. Kurzfristig ist die gesetzliche Rente so gut abgesichert wie seit Jahren nicht — Haltelinie, stabiler Beitragssatz, kräftige Anpassung. Mittelfristig ist nichts entschieden: Die Kommission, die den Umbau nach 2031 vorbereiten sollte, hat im Juni 2026 geliefert; der Koalitionsausschuss hat am 2. Juli 2026 zugesagt, die 33 Empfehlungen „vollständig und zügig“ umzusetzen. Ein Referentenentwurf liegt bis heute nicht vor. Die Deutsche Rentenversicherung stellt dazu nüchtern fest: „Solange kein entsprechendes Gesetz verabschiedet und in Kraft getreten ist, gilt ausschließlich das bestehende Rentenrecht.“
Die allgemeine Rentenversicherung schloss 2025 mit einem Defizit von 3,91 Mrd. €: 417,42 Mrd. € Einnahmen gegen 421,33 Mrd. € Ausgaben, davon 363,30 Mrd. € reine Rentenausgaben. Getragen wird das System zunehmend aus Steuermitteln: Die Bundeszuschüsse an die allgemeine Rentenversicherung liegen 2026 im Soll bei 119,02 Mrd. € (+4,3 % ggü. 2025). Die Nachhaltigkeitsrücklage betrug im Juni 2026 rund 36,5 Mrd. € — etwa 1,16 Monatsausgaben und damit nahe der neuen gesetzlichen Untergrenze von 0,3 Monatsausgaben, aber weit unter der Obergrenze von 1,5.
Interaktiv: Rentenlücken-Rechner 2026
Schätzung der gesetzlichen Rente auf Basis des Rentenwerts ab Juli 2026 — und der monatlichen Sparrate, die nötig wäre, um die verbleibende Lücke zu schließen.
Parameter: Aktueller Rentenwert 42,52 € (ab 1.7.2026), vorläufiges Durchschnittsentgelt 2026 = 51.944 €/Jahr, Beitragsbemessungsgrenze 101.400 €/Jahr, Regelaltersgrenze 67. Entgeltpunkte je Jahr = Bruttojahresentgelt (max. BBG) ÷ Durchschnittsentgelt; das aktuelle Einkommen wird bis 67 fortgeschrieben. Rente netto vor Steuern nach Abzug von 12,35 % (Eltern) bzw. 12,95 % (Kinderlose) für KV/PV der Rentner. Erwerbsnetto nach § 32a EStG 2026, Steuerklasse I, ohne Kirchensteuer, ohne Freibeträge. Kapitalbedarf als Barwert einer 20-jährigen Entnahme bei 3 % Verzinsung in der Entnahmephase.
Nicht berücksichtigt: künftige Rentenanpassungen und Lohnsteigerungen, Inflation, Einkommensteuer auf die Rente (Besteuerungsanteil 84 % bei Rentenbeginn 2026), Abgeltungsteuer und Kosten der Vorsorgeprodukte, Zeiten der Kindererziehung, Arbeitslosigkeit oder Erwerbsminderung, betriebliche Anwartschaften. Die Absenkung des Sicherungsniveaus nach 2031 ist nicht eingerechnet — die tatsächliche Lücke künftiger Jahrgänge fällt höher aus.
Kein Ersatz für die Renteninformation. Die verbindliche Auskunft erteilt ausschließlich die Deutsche Rentenversicherung.
Quellen & Methodik
Rechtsstand und Datenstand: 19. August 2026. Alle Primärquellen sind amtliche Veröffentlichungen; eigene Berechnungen sind im Text als solche gekennzeichnet.
- Deutsche Rentenversicherung Bund: Rentenanpassung 2026 — Renten steigen im Juli um 4,24 Prozent, Meldung vom 05.03.2026, sowie FAQ Rentenanpassung 2026. Rechtsgrundlage: Rentenwertbestimmungsverordnung 2026 (RWBestV 2026). Aktueller Rentenwert ab 1.7.2026: 42,52 €.
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Rentenversicherungsbericht 2025, Kabinettbeschluss 19.11.2025, BT-Drs. 21/3080. Sicherungsniveau vor Steuern 48,0 % (2026), Projektion 46,3 % (2039); Beitragssatz 18,6 % (2026/2027), 19,8 % (2028), 20,0 % (2029), 20,1 % (2030), 21,2 % (2039). Rechtsgrundlage der Haltelinie: Gesetz zur Stabilisierung des Rentenniveaus und zur vollständigen Gleichstellung der Kindererziehungszeiten, Bundestag 05.12.2025, Bundesrat 19.12.2025, in Kraft 01.01.2026, BT-Drs. 21/1929.
- Statistisches Bundesamt: Armutsgefährdung (monetäre Armut) in Deutschland nach soziodemografischen Merkmalen im Zeitvergleich, Datenbasis EU-SILC/MZ-SILC, Stand 09.04.2026. Quote 65+: 19,5 % (2025). Armutsgefährdungsschwelle Einpersonenhaushalt 2025: 1.446 €/Monat (Destatis PM Nr. 039 vom 03.02.2026).
- Statistisches Bundesamt: Alterseinkünfte nach Geschlecht sowie Gender Pension Gap, EU-SILC 2025 (Einkommensbezugsjahr 2024), Stand 09.04.2026. Eigene Alterseinkünfte: Frauen 18.233 €, Männer 28.473 € → Gap 36,0 %; inkl. Hinterbliebenenleistungen 24,2 %.
- Statistisches Bundesamt: 1,8 % mehr Empfängerinnen und Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung Ende 2025, PM Nr. 104 vom 26.03.2026. Ab Regelaltersgrenze: 764.065 Personen.
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Statistik zur privaten Altersvorsorge (Riester-Rente), Stand 07.05.2026. Vertragsbestand Ende 2025 (vorläufig): 14,664 Mio. — Versicherungen 9,745, Investmentfonds 2,996, Wohn-Riester 1,437, Banksparen 0,486.
- Statistisches Bundesamt: Mittlerer Bruttojahresverdienst lag 2025 bei 54.066 Euro, PM Nr. 113 vom 01.04.2026 (Verdiensterhebung, Vollzeit, einschließlich Sonderzahlungen). Der Monatswert 4.505,50 € ist rechnerisch abgeleitet; Destatis publiziert den Median nur als Jahresgröße.
- Deutsche Rentenversicherung Bund: Besteuerungsanteil der Renten steigt langsamer (Wachstumschancengesetz), Meldung vom 02.04.2024. Besteuerungsanteil bei Rentenbeginn 2026: 84,0 %; volle Besteuerung ab Rentenbeginn 2058.
- Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Altersarmut und Alterssicherung in Deutschland“, BT-Drs. 21/7204 vom 17.07.2026. Zahlbeträge Altersrenten Bestand 31.12.2025 (nur Inland): Männer 1.531 €, Frauen 1.025 €; Zugang 2025: Männer 1.415 €, Frauen 1.039 €. Renten unter 1.446 € bei mindestens 40 Versicherungsjahren: Männer 1.361.781 von 4.891.844, Frauen 2.223.155 von 3.647.566 (Prozentwerte eigene Berechnung).
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Alterssicherungsbericht 2024, Kabinettbeschluss 13.11.2024, Berichtsjahr 2023. bAV-Verbreitung 51,9 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten; 38 % ohne bAV und ohne Riester, bei Bruttoeinkommen unter 1.500 € 55 %. Hinweis: Der Bericht erscheint alle vier Jahre; einen Alterssicherungsbericht 2025 gibt es nicht.
- Bundesministerium der Finanzen: Riester-Auszahlungsstatistik Beitragsjahr 2024, veröffentlicht 17.03.2026 (2,29 Mrd. € an 1,32 Mio. Personen), sowie Statistische Auswertungen zur Riester-Förderung, 17.11.2025 (durchschnittliche Gesamtförderung 377,91 €, endgültiges Beitragsjahr 2022). Die Monatsdurchschnitte von ca. 145 € bzw. 87 € sind eigene Berechnung aus diesen Rohdaten.
- Bundesgesetzblatt 2026 I Nr. 156 vom 29.05.2026: Gesetz zur Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge (Bundestag 27.03.2026, Bundesrat 08.05.2026). Neue Produkte ab 01.01.2027, Grundzulage bis 540 €/Jahr, Kinderzulage 300 €, Berufseinsteigerbonus 200 €.
- Bundesministerium der Finanzen: Regierungsentwurf eines Frühstartrentengesetzes, Kabinettbeschluss 12.08.2026 — Entwurfsstand, kein geltendes Recht. Sowie: Aktivrente, BT-Drs. 21/2673, in Kraft seit 01.01.2026.
- Bundesregierung / Alterssicherungskommission: Bericht der Alterssicherungskommission, übergeben am 23.06.2026, 33 Empfehlungen. Ohne Gesetzescharakter; Stand 19.08.2026 liegt kein Referentenentwurf zur Umsetzung vor.
- Deutsche Rentenversicherung: Kennzahlen zur Finanzentwicklung, Stand 17.05.2026 (Einnahmen 417,42 Mrd. €, Ausgaben 421,33 Mrd. €, Rentenausgaben 363,30 Mrd. € für 2025). Bundeszuschüsse 2026: BMF-Monatsbericht 02/2026, Sollbericht 2026 (119,02 Mrd. €).
- Deutsche Rentenversicherung / Bundesregierung: Sozialversicherungsrechengrößenverordnung 2026 (Durchschnittsentgelt 51.944 € vorläufig, Beitragsbemessungsgrenze 101.400 €) und Beitragssätze GKV/SPV 2026 (allgemeiner Beitragssatz 14,6 %, durchschnittlicher Zusatzbeitrag 2,9 %, Pflegeversicherung 3,6 % bzw. 4,2 % für Kinderlose).
- Deutsches Aktieninstitut: Aktionärszahlen 2025 — Aktienanlage im Aufwind, 13.01.2026. 14,1 Mio. Personen mit Aktien, Aktienfonds oder ETFs (19,9 % ab 14 Jahren), 5,3 Mio. mit Sparplänen.
- DIW Berlin: Private und betriebliche Altersvorsorge ist zwischen den Einkommensgruppen ungleich verbreitet, Wochenbericht 16+17/2026 vom 15.04.2026 (SOEP v40.1); sowie Starke Nichtinanspruchnahme von Grundsicherung deutet auf hohe verdeckte Altersarmut, Wochenbericht 49/2019.
- Union Investment / WHU — Center für Intergenerative Finanzwissenschaft: Vorsorgekompass 2026. Typischer Rentnerhaushalt: 2.988 € Einnahmen, 3.148 € Ausgaben.
- MyWage Research: Proprietäre Plattformdaten Earned Wage Access (EWA), aggregiert und anonymisiert, Stand H1 2026.
Methodischer Hinweis zu Vergleichbarkeit: Die Zahlbeträge zum 31.12.2025 (BT-Drs. 21/7204) sind auf Inlandsrenten begrenzt und daher nicht mit den Werten der DRV-Statistikbände zum 31.12.2024 (einschließlich Auslandsrenten) zu einer Zeitreihe zu verbinden. Armutsgefährdungsquoten aus EU-SILC/MZ-SILC und aus dem Mikrozensus-Kern sind methodisch verschieden und ebenfalls nicht vergleichbar; dieser Report verwendet durchgängig EU-SILC. Die Beitragssatz- und Niveauprojektionen des Rentenversicherungsberichts 2025 sind Modellrechnungen der mittleren Variante mit Horizont 2039 — amtliche Werte für 2040 oder später existieren nicht.