BGH 11.06.2026: SCHUFA-Auskunfts-Kosten im Inkasso sind kein Verzugsschaden
Zwei Parallel-Urteile vom 11. Juni 2026 stellen klar: Gläubiger dürfen die Kosten einer vor Klageerhebung eingeholten SCHUFA-Bonitätsauskunft nicht ohne Weiteres auf Schuldner abwälzen. Verbraucher können sich gegen diese Posten in Inkasso-Forderungen wehren. Mit Musterbrief.
Inhalt
VII. Zivilsenat: SCHUFA-Kosten gehören zum Gläubiger
Urteile VII ZR 93/25 & VII ZR 96/25
- Konkrete Beträge: 1,35 € bzw. 1,61 € SCHUFA-Auskunfts-Kosten — beide aberkannt
- Vorinstanzen: AG Ratzeburg + LG Lübeck — alle bestätigt
- Grundlage: §§ 280, 286 BGB — vor Klageerhebung nicht erforderlich
- Begründung: Rechtskräftige Ansprüche sind 30 Jahre vollstreckbar — frühe Bonitätsprüfung nicht aussagekräftig
- Schuldner können der Position schriftlich widersprechen (Musterbrief im Artikel)
Das LG Lübeck als Berufungsgericht hat festgestellt — und der BGH bestätigt: Eine vor Einleitung des gerichtlichen Erkenntnisverfahrens eingeholte SCHUFA-Bonitätsauskunft ist aus der maßgeblichen Sicht des Gläubigers grundsätzlich nicht erforderlich, um:
- das gerichtliche Erkenntnisverfahren einzuleiten
- das Verfahren durchzuführen
- einen rechtskräftigen Vollstreckungstitel zu erlangen
Mit anderen Worten: Wer Geld klagen will, braucht keine SCHUFA-Auskunft. Die Auskunft mag dem Gläubiger Hinweise über künftige Vollstreckungsaussichten geben — aber sie ist nicht Voraussetzung dafür, dass die Forderung gerichtlich durchgesetzt werden kann.
Warum die 30-Jahre-Verjährung das Argument trägt #
Der BGH liefert einen besonders eleganten zweiten Punkt: Rechtskräftig festgestellte Ansprüche unterliegen einer Verjährungsfrist von 30 Jahren (§ 197 Abs. 1 Nr. 3 BGB). Das heißt:
Damit fällt das Hauptargument der Gläubiger weg: „Wir brauchen die SCHUFA-Auskunft, um abschätzen zu können, ob die Klage überhaupt sinnvoll ist." Das stimmt schlicht nicht — denn die Zeit-Streckung der Vollstreckung über drei Jahrzehnte macht die Auskunft als Entscheidungsgrundlage wertlos.
Gibt es Ausnahmen? #
Ja — der BGH formuliert sehr bewusst „grundsätzlich nicht ersatzfähig". Das bedeutet: In begründeten Einzelfällen kann der Gläubiger weiterhin die Kosten ersetzt verlangen, wenn er besondere Umstände darlegt und beweist, die ausnahmsweise die Auskunft erforderlich machen. Der BGH hat dabei keine abschließende Liste solcher Ausnahmen festgelegt — maßgeblich sind stets sämtliche Umstände des Einzelfalls, die der Tatrichter würdigt.
Denkbare Fallkonstellationen — nicht vom BGH abschließend entschieden:
| Konstellation | Wann ggf. Erstattung möglich |
|---|---|
| Drohende Insolvenz | Konkrete Anhaltspunkte, dass Schuldner unmittelbar Insolvenz anmeldet → schnelle Sicherungsvollstreckung sinnvoll |
| Auslandsbezug | Schuldner mit Hauptwohnsitz im Ausland → erschwerte Vollstreckung, Bonitäts-Daten relevant |
| Wiederholt zahlungsunfähig | Vorausgegangene gescheiterte Vollstreckungen gegen denselben Schuldner |
| Großer Auftrag | Bei wirtschaftlich erheblicher Summe (5-stellig+) ggf. Vorabprüfung sinnvoll |
In der gerichtlichen Praxis dürften diese Ausnahmefälle selten sein. Beweispflichtig ist der Gläubiger — wer nichts Substanzielles vorträgt, verliert wie in den Pilot-Verfahren.
5 Schritte: SCHUFA-Posten in Inkasso-Forderungen widersprechen #
Forderungsaufstellung prüfen
Jede Forderung enthält in der Regel eine Aufschlüsselung: Hauptforderung + Mahnkosten + RVG-Gebühren + Verzugszinsen + Auslagen. Suche gezielt nach Positionen wie „SCHUFA-Auskunft", „Bonitätsauskunft", „Bonitätsprüfung" oder „Auskunftei-Anfrage".
Anerkennung nur bis zur rechtmäßigen Höhe
Erkenne schriftlich die Hauptforderung + zulässige Inkassokosten (RVG-Geschäftsgebühr Nr. 2300 + 20 € Auslagenpauschale + USt) + Verzugszinsen nach § 288 BGB an. Nicht anerkannt werden: SCHUFA-Auskunfts-Posten. Begründung: BGH VII ZR 93/25, 96/25.
Schriftlich widersprechen
Per Einschreiben/Rückschein oder E-Mail an Inkasso-Dienstleister und Gläubiger. Nutze den Musterbrief unten. Wichtig: Die Aktenzeichen VII ZR 93/25 und VII ZR 96/25 nennen und auf §§ 280, 286 BGB verweisen.
Bei Mahnbescheid: Widerspruch in 14 Tagen
Falls der Gläubiger einen Mahnbescheid erwirkt: Widerspruch innerhalb von 14 Tagen, sonst wird der Mahnbescheid vollstreckbar. Du kannst Teilwiderspruch nur gegen den SCHUFA-Posten einlegen — der Rest bleibt anerkannt.
Bei Klage: Verteidigung
Wird Klage erhoben, im Verfahren auf die aktuelle BGH-Rechtsprechung verweisen. Untergerichte folgen der höchstrichterlichen Auslegung in der Praxis regelmäßig, beurteilen den konkreten Einzelfall aber selbst — eine formale Bindung an jedes BGH-Urteil wie im Common Law gibt es nicht. In Zivilsachen bis einschließlich 10.000 € ist grundsätzlich das Amtsgericht zuständig (§ 23 Nr. 1 GVG, seit 1.1.2026; zuvor 5.000 €); dort besteht regelmäßig kein Anwaltszwang (§ 78 ZPO). Hinweis: Beratungshilfe ist staatliche Unterstützung für anwaltliche Erstberatung (Antrag beim Amtsgericht) — davon zu unterscheiden sind die eigenen, je nach Bundesland und Leistung teils kostenpflichtigen Beratungsangebote der Verbraucherzentralen.
Musterbrief: Widerspruch gegen SCHUFA-Auskunfts-Kosten #
Quellen #
Primärquelle
- BGH Pressemitteilung Nr. 104/2026 vom 11.06.2026 — bundesgerichtshof.de. Vollständiger Wortlaut der Sachverhalte, rechtliche Begründung, zitierte Vorschriften.
Sekundärquellen
- Viola Didier (12.06.2026): „BGH: Schufa-Kosten bleiben beim Gläubiger" — DER BETRIEB — der-betrieb.de.
- IT-BoltWise (12.06.2026): „BGH stoppt Schufa-Kostenersatz im Inkasso vor Gericht" — it-boltwise.de.
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